Das sagt ganz offiziell die Gelotologie, die Wissenschaft und Lehre vom Lachen. Lachen aktiviert nachweislich das Immunsystem, senkt den Stresslevel und das Schmerzempfinden, und aufgrund der beschleunigten Atmung wirkt es wie eine „Sauerstoffdusche für den Körper“ – so schreibt es die Krankenkasse AOK in ihrem Gesundheitsmagazin. Schon allein deswegen müsste man sich eigentlich Humor, Witze und alles, was dazu gehört – Comedy, Stand-up, Satire, Slapstick, Situationskomik – ärztlich verschreiben lassen. Auch für die Persönlichkeitsentwicklung ist lachen sehr gesund. Davon war niemand Geringeres überzeugt als Albert Einstein. Er notierte 1948 unter dem Titel „Sinnvolles Leben“ einen Aphorismus, der die Ernsthaftigkeit und Seriosität, die man von einem Nobelpreisträger erwarten könnte, selbstironisch bricht. Er lautet: „Das persönliche Dasein wird sinnvoll durch die Überzeugung vom objektiven Wert des eigenen Strebens und Wirkens. Ist diese Überzeugung aber nicht durch Humor gemildert, so ist man unerträglich.“ Sprich: Wer sich selbst zu ernst nimmt, hat den Sinn des Lebens nicht begriffen und nervt. Ha! Man darf sich hier ruhig ein Smiley Face mit rausgestreckter Zunge vorstellen – so wie auf dem berühmten Foto von Einstein.

Lach doch mal: Warum uns gerade jetzt oft nicht danach ist

Noch unerträglicher als humorlose Menschen ist, dass wir aber in Zeiten leben, in denen es, wie man im übertragenen Sinne so sagt, immer weniger zu lachen gibt, auf jeden Fall gefühlt. Die Klimaerwärmung, die vielen Kriege auf der Welt, der Erfolg rechtspopulistischer und rechtsradikaler Parteien, der Hass auf alles Fremde und alle, die auf die eine oder andere Weise einer fragwürdigen Idee von „Normalität“ nicht entsprechen, dazu der immer brutaler werdende Umgangston in den sozialen Medien. Das alles ist sehr unlustig. Wird Lachen in dieser Situation zu einer Art coping mechanism, zu einer Überlebens- oder zumindest Zurechtkommstrategie? Es hat den Anschein.

Auf Netflix boomen die Comedy-Specials, und wenn man abends nicht zu Hause lachen will: In einer Stadt wie Berlin gibt es an jedem Abend der Woche eine Auswahl aus mindestens fünf verschiedenen Open-Mics, Stand-up-Shows und Comedy-Slams. Ohne Übertreibung lässt sich sagen, dass Menschen, die professionell Witze schreiben und/oder erzählen, zu den Held:innen unserer Tage zählen. Jimmy Kimmel zum Beispiel. Der US-amerikanische Comedian und Talkmaster zog den jähen Zorn von Donald Trump auf sich, als er im September 2025, nach dem Attentat auf den rechten MAGA-Aktivisten Charlie Kirk, in seiner Late-Night-Show „Jimmy Kimmel Live!“ andeutete, die MAGA-Bewegung versuche aus der Ermordung Kirks Kapital zu schlagen und Trumps Bestürzung sei kaum glaubwürdig. Trump hatte Kirk als „Freund“ bezeichnet, sogar als „meinen kleinen Bruder“. Als ein TV-Reporter ihn eineinhalb Tage nach dem Attentat fragte, wie es ihm gehe, antwortete Trump aber „Sehr gut“ und prahlte sofort mit dem neuen Ballsaal, den er im Weißen Haus bauen lässt. Kimmel ließ den Ausschnitt aus dem Interview abspielen und machte dann folgenden Witz: „So trauert kein Erwachsener um den Mord an jemandem, den er als Freund bezeichnet. So trauert ein Vierjähriger um einen Goldfisch.“

Kimmels Show wurde daraufhin vom Sender ABC sofort abgesetzt, die ganze Welt fieberte mit – oder jedenfalls jener Teil der Welt, dem Meinungsfreiheit, Demokratie, Freiheit der Kunst, zu der Comedy ja gehört, und Freiheit der Witze, auch der harten, wichtig ist. Trumps Druck war am Ende nicht stark genug, zum Glück: Nach Tagen des lautstarken Protests gegen die Absetzung, unter anderem von US-amerikanischen Comedians und Talkshow-Hosts wie Stephen Colbert, Wanda Sykes, Seth Meyers und Rosie O’Donnell, wurde „Jimmy Kimmel Live!“ eine Woche später wieder ins Programm genommen.

Der Humor hat gesiegt. Vorläufig zumindest. In Freiheit darf man sich lustig machen über die, die an der Macht sind. Besonders in harten Zeiten, in denen die Gesellschaft um Zusammenhalt ringt. In Zeiten, in denen manche gern den Kopf in den Sand stecken würden.

“Im Fall von Jimmy Kimmel hat der Humor gesiegt. Vorläufig. In Freiheit darf man sich lustig machen über die, die an der Macht sind.”

Jan Kedves

Oft schon ist die These vertreten worden, dass Comedy gerade dann boomt und wichtig ist. Zum Beispiel waren in den USA im frühen 20. Jahrhundert, während der Jahre der Great Depression, die zynisch-chaotischen, das Establishment verspottenden Komödien der Marx Brothers sehr erfolgreich. Und Mitte der 1970er-Jahre, nach dem traumatischen Ende des Vietnamkriegs und der Watergate-Krise, begann in den USA die große Zeit der Comedy-Show „Saturday Night Live“. Auch ein Blick in die deutschsprachige Presse stützt die Ansicht, dass Comedy zur gesellschaftlichen Erbauung beiträgt und dass, überspitzt gesagt, das Streaming von Comedy-Specials auf Netflix ein Akt von Selfcare sein kann. Von „Deutschlandfunk Kultur“ über „Zeit“ bis „Spektrum der Wissenschaft“ und „Chrismon“, dem evangelischen Magazin: Alle sind sich in ihren Artikeln einig, dass Humor ein Quell der Lebensfreude ist und den Blues vertreibt, mit Überschriften wie: „Wir sollten mehr lachen – gerade jetzt“, „Bitte macht euch lächerlich!“ oder „Trotz allem: Wie Resilienz und Humor durch Krisen tragen“. Für Comedy als Kunstform ist es dabei aber gar nicht so unproblematisch, wenn Comedians in ihrer Positionierung gegen Politiker:innen und Möchtegern-Autokraten selbst zu so etwas wie moralischen Erbauungsfiguren werden. Man könnte zum Beispiel an Jan Böhmermann denken. Der ist zwar am Ende des Tages auch Comedian, vor allem aber ist er mittlerweile fast Deutschlands oberster Aufklärer, der in seiner Sendung „ZDF Magazin Royale“ Korruption und Machtmissbrauch genauso aufdeckt wie Einschüchterungsversuche gegenüber Journalisten durch rechte Parteien.

Comedy-Boom in Krisenzeiten

Als gesellschaftliches Antidepressivum mag Comedy umso relevanter erscheinen, wenn die Person, die auf der Bühne steht, politisch auf genau der Seite steht, auf der sich auch das Publikum sieht. „Aber ich finde nicht, dass ein Comedian die Aufgabe eines Aktivisten erfüllen muss und den Menschen einfach nur sagt, was sie hören wollen“, sagt Filiz Tasdan. Die Comedienne aus Hamburg gehört zu den neuen Stars der deutschen Stand-up-Szene, sie bekommt aktuell in der ARD im Stand-up-Battle-Format „falsch, aber anders lustig“ die meisten Lacher mit ihren derben, messerscharfen Jokes. 2025 hat sie den Deutschen Kleinkunstpreis in der Kategorie Stand-up gewonnen. Tasdan sagt, sie wolle auf der Bühne keinen „Gesinnungsapplaus“. So nennt sie das Klatschen, das vom Publikum garantiert kommt, wenn Comedians in ihrer merkwürdigen Doppelrolle als humoristische Genies (die nichts und niemand ernst nehmen) und moralische Leuchten (die das Publikum aber sehr ernst nimmt) zum hundertachtzigsten Mal sagen, dass die AfD doof ist, zum Beispiel. „Unsere Aufgabe als Comedians ist es immer noch, die Menschen zum Lachen zu bringen und nicht zum Applaudieren“, sagt Tasdan. „Ein Comedian ist kein ‚guter‘ Mensch im moralischen Sinne, sondern ein brutal ehrlicher Mensch, der zeigt, dass jeder von uns besonders in diesen Zeiten dunkle, böse Seiten in sich trägt.“ Tasdan stammt aus einer türkischen Familie. Mit ihrem sarkastischen Humor macht sie Jokes über ihre Verwandten und die türkische Kultur, genauso über die deutsche. Einen Witz über Friedrich Merz und seine rassistische „Stadtbild“-Aussage hat sie bislang noch nicht geschrieben, auch wenn es sie durchaus jucke, gibt Tasdan zu. Aber: „Momentan gibt es eine Flut an neuen Comedians auf Social Media, und es ist fast unmöglich, einen Joke zu machen, den noch kein anderer gemacht hat“, sagt sie. Tatsächlich gibt es auf TikTok und mittlerweile auch auf Instagram täglich jede Menge neuen Comedy-Content, meist ultrakurz, in TikTok-Länge eben.

Filiz Tasdan

Zum Beispiel von Gian Alba aus dem Saarland. Der macht sich dann über Kanzler Merz lustig, indem er Videoausschnitte aus dessen Sommer-Pressekonferenz zusammenschneidet und sich selbst, als plaudernden Friseur mit schmierig gegelter Dauerwelle, so mit hineinmontiert, dass es so aussieht, als sitze Friedrich Merz gerade bei der Frisurberatung. „Da gibt es im Grunde nicht ganz so viel Neues zu erfinden“, sagt dann beispielsweise der Kanzler. In der Pressekonferenz war das seine Antwort auf die Frage, was im angekündigten „Herbst der Sozialreformen“ genau passieren werde. Das Video ist gut für ein kurzes Kichern. Humor mit einer politischen Einfärbung, so sanft wie eine Glanzspülung. 51 000 Likes, 22 000 Shares.

In Filiz Tasdans Programm kommt Politik nicht oft so direkt mit rein – aber wenn, dann hintenrum und eher heftig. Als 2024 das Recherche-Netzwerk Correctiv ein Geheimtreffen von Rechtsextremen aufgedeckt hatte, bei dem diese in einem Luxushotel nahe Potsdam über „Remigration“ diskutiert hatten – über die Vertreibung von unter anderem Deutschen mit Migrationshintergrund –, und als zudem bekannt wurde, dass offenbar der Grün- der einer großen deutschen Backkette dieses Treffen unterstützt hatte, machte Tasdan auf der Bühne folgenden Witz: „Beim Backwerk kann ich’s verstehen, weil das ist wirklich der einzige Bäcker in Deutschland, wo es keinen Service gibt und nur Selbstbedienung. Die üben schon mal, wie es ist, wenn Deutschland keine Ausländer mehr hat.“ Autsch! Schmerzhaft lustig.

Grundsätzlich sind Witze, die nach oben treten, gegen Mächtige, Menschen mit Milliarden auf dem Konto, Politiker:innen und Stars, natürlich beliebter als Witze, die nach unten treten. Wobei in der Comedy (fast) alles erlaubt ist – und auch erlaubt sein sollte. Man muss auch mal einen Joke aushalten können, selbst wenn er im ersten Moment etwas wehtut. Wer sofort jeden Witz und jeden Comedian, der nicht nach dem eigenen Gusto schreibt, weghaben will, ist schon näher an den Werten der Teilnehmenden der Potsdamer Geheimkonferenz oder an Donald Trump dran, als ihm wahrscheinlich lieb ist. Gleichzeitig zeigt sich in letzter Zeit immer wieder, wie der Anspruch, dass man in der Comedy Witze über alles und jeden machen darf, an den Realitäten zerschellt, vor allem mit Blick auf die aufgeheizte digitale Welt. Wenn nämlich Hater absichtlich Jokes aus dem Kontext reißen, um sie in den sozialen Medien zu skandalisieren. Stichworte: Shitstorm und Cancel Culture. In der mutwilligen Verkürzung, als Snippet auf Social Media, ohne den Kontext einer gesamten Comedy-Show, können Witze – oder einzelne Sätze aus Witzen – fast schon verstörend wirken. Nichtsdestotrotz: Es gibt natürlich Grenzen, die nicht zu überschreiten sind und nicht unter dem Deckmantel Humor zu beschönigen sind, Kontext hin oder her.

Wenn Humor politisch wird – und Comedians vorsichtiger

Filiz Tasdans Jokes haben noch keinen allzu großen Shitstorm ausgelöst, aber sie ist vorsichtiger geworden – nicht in ihren Witzen selbst, aber welche davon sie online stellt. Zu den Empörungsdynamiken, die sich im Netz immer höherschaukeln, sagt sie: „Es ist tatsächlich ein großes Problem, dass vor allem Sarkasmus auf Social Media nicht immer rüberkommt. Man hört einen Satz, aber sieht dabei den Comedian nicht live, sieht nicht seine Mimik oder hört seine Stimme. Mein aktuelles Programm kann man komplett auseinandernehmen und absichtlich falsch verstehen, wenn man unbedingt möchte. Aber mit was kann man das nicht auf Social Media?!“

In der Stand-up-Szene wird mit diesem Problem in den vergangenen Jahren häufig so umgegangen, dass bei Shows die Smartphones des Publikums eingesammelt werden. Besonders bei Auftritten, bei denen Comedians ihr neues Material, also ihre neuen Witze, zum ersten Mal testen. Was drinnen passiert, soll nicht nach außen getragen werden. Weil die Jokes möglicherweise noch nicht funktionieren oder doch zu hart sein könnten. Das heißt: Jedem Witz, über den ich abends beim Netflix-Bingen lache und mit dem ich meinem Körper und meiner Psyche die stresslösende Sauerstoffdusche gönne, ist potenziell ein derberer Joke vorausgegangen. Der ist dann aber im Comedy-Keller geblieben und wurde so geschliffen, dass im Stream keine Empörung aufkommt.

Wenn Humor an seine Grenzen kommt

Irgendwo hört der Spaß dann aber tatsächlich auf. Der ehemalige „Tagesschau“-Sprecher Constantin Schreiber versuchte vor Kurzem, in einer Folge seiner neuen Late-Night-Show bei Welt TV den Hassnachrichten, die er und seine Studiogäste tagtäglich bekommen, irgendwie etwas Lustiges abzugewinnen. Zusammen mit Carsten Linnemann, CDU-Generalsekretär, und Tim Klüssendorf, SPD-Generalsekretär, las er sie vor: Extrakte aus Gewaltandrohungen, Beschimpfungen, Hetzkommentaren, die ganz normale Bürger:innen und rechte Trolle an ihn und die geladenen Menschen seiner Sendung schicken. Dieser „Hate Poetry Slam“ wurde von Schreiber mit einem Schmunzeln anmoderiert, nach dem Motto: „Vieles ist einfach nur übel, über manches muss man fast lachen.“ Fast lachen? Einige Zeilen waren derart unterhalb der Gürtellinie, dass gar niemand lachte.

Sicher ist: Wenn wir nicht mehr lachen können, hat der Hass gewonnen – und die Rechten lachen. Wobei rechter Humor im Grunde ein Oxymoron ist, ein Widerspruch in sich. Warum? Hier kommen wir zurück zur Ansicht von Albert Einstein: weil Autoritäre, Autokrat:innen und Nazis vom Wert ihres eigenen Strebens so überzeugt sind, dass sie sich selbst unerträglich ernst nehmen. Genau deshalb ertragen sie, wie Donald Trump, Witze über sich selbst so schlecht.