Die Stimmung unter deutschen Finanzmarktexperten hat sich zum Jahresauftakt überraschend deutlich aufgehellt. Wie das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) am Dienstag in Mannheim mitteilte, kletterte der Stimmungsindikator im Januar auf den höchsten Stand seit August 2021. Diese Entwicklung nährt die Hoffnung, dass 2026 eine wirtschaftliche Wende für Europas größte Volkswirtschaft markieren könnte, wenngleich geopolitische Spannungen die Aussichten trüben.
Überraschend starker Anstieg der Erwartungen
Der viel beachtete ZEW-Index für die wirtschaftlichen Erwartungen machte einen kräftigen Satz nach oben und stieg auf 59,6 Punkte, nachdem er im Vormonat noch bei 45,8 Zählern notiert hatte. Damit wurden die Prognosen der von Reuters befragten Analysten, die lediglich mit einem Anstieg auf 50,0 Punkte gerechnet hatten, weit übertroffen. Es ist der beste Wert seit fast fünf Jahren.
Parallel dazu verbesserte sich auch die Einschätzung der aktuellen konjunkturellen Lage. Der entsprechende Teilindex kletterte von minus 81,0 auf minus 72,7 Punkte. Trotz dieses Anstiegs verharrt die Lageeinschätzung jedoch weiterhin tief im negativen Bereich. ZEW-Präsident Achim Wambach kommentierte die Zahlen vorsichtig optimistisch: „Der ZEW-Index steigt stark an. 2026 könnte einen Wendepunkt markieren.“ Er mahnte jedoch zugleich, dass die Arbeit an der Attraktivität des Standorts Deutschland fortgesetzt werden müsse, um ein nachhaltiges Wachstum zu ermöglichen. Auch für den gesamten Euroraum hellte sich die Stimmung auf: Der Indikator stieg hier auf 40,8 Punkte und erreichte damit den höchsten Stand seit Juli 2024.
Industrie schöpft Hoffnung
Treibende Kraft hinter dem Stimmungsaufschwung sind vor allem die exportorientierten Branchen. Alexander Krüger, Chefökonom bei der Hauck Aufhäuser Lampe Privatbank, sieht in dem jüngsten Finanzierungspaket der Bundesregierung einen wichtigen Faktor. Die geplanten Mehrausgaben für Verteidigung und Infrastruktur hätten Hoffnungen geweckt, dass jahrelange Investitionslücken nun geschlossen werden und der wirtschaftliche Abschwung umgekehrt werden kann.
Besonders deutlich wird der Optimismus in den Sektoren Maschinenbau sowie Stahl und Metall, deren Werte um mehr als 20 Punkte zulegten. Auch die Automobilindustrie verzeichnete eine spürbare Verbesserung, wenngleich die Stimmung dort noch leicht im negativen Bereich liegt. Solide Zuwächse meldeten zudem die Chemie- und Pharmabranche sowie die Elektrotechnik. Gestützt wird diese Zuversicht durch besser als erwartet ausgefallene Industrieproduktions- und Auftragsdaten vom November 2025 sowie durch das Handelsabkommen zwischen der EU und dem Mercosur-Block, das neue Absatzmärkte für deutsche Exporteure verspricht.
Schatten über dem Atlantik
Doch die aufkeimende Zuversicht steht auf wackeligen Beinen. Ulrich Wortberg, leitender Volkswirt bei der Helaba, warnt davor, dass wachsende Sorgen um die transatlantischen Beziehungen den Ausblick trüben könnten. US-Präsident Donald Trump hat kürzlich damit gedroht, ab dem 1. Februar zusätzliche Zölle von 10 Prozent auf Importe aus Deutschland und sechs weiteren europäischen Ländern zu erheben, sofern seine Forderungen bezüglich Grönland nicht erfüllt werden. Im Juni könnten diese Zölle sogar auf 25 Prozent steigen.
Brüssel hat für diesen Fall bereits Gegenmaßnahmen in der Schublade, die US-Importe im Wert von rund 93 Milliarden Euro betreffen würden. Sollte die EU Vergeltung üben, könnte Washington die Zölle auf den gesamten Block ausweiten.
Warnung vor globalen Folgen
Analysen von Oxford Economics zeichnen für ein solches Szenario ein düsteres Bild. Ein pauschaler US-Zoll von 25 Prozent auf europäische Waren, kombiniert mit entsprechenden Gegenmaßnahmen, würde das Bruttoinlandsprodukt sowohl in den USA als auch in der Eurozone in der Spitze um rund ein Prozent drücken, wobei die Eurozone länger unter den Folgen leiden dürfte. Das globale Wirtschaftswachstum könnte in den Jahren 2026 und 2027 auf 2,6 Prozent abrutschen – das schwächste Tempo seit der Finanzkrise, wenn man die Pandemie-Jahre ausklammert.
Trotz der momentanen Stimmungsaufhellung bleibt daher Skepsis geboten. Alexander Krüger betonte, dass der jüngste Anstieg zwar die Verschlechterungen der letzten Zeit wettmache, das Niveau aber insgesamt schlecht bleibe. „Es gibt noch keinen Grund, in wirtschaftliche Euphorie zu verfallen“, so der Ökonom. Er verwies auf erhebliche Standortnachteile und das anhaltende Risiko, dass Unternehmen ihre Produktion ins Ausland verlagern.