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Kunst & Kultur

Rebecca F. Kuang: Die Bestseller-Autorin über ihren neuen Roman „Katabasis“ und warum Fantasy alles andere als seicht sein kann

Fantasy wird häufig unterschätzt und als triviale Unterhaltung abgetan. Während das Genre zwar auf TikTok boomt, findet es im Feuilleton meist gar keinen Platz. Zu Unrecht. Spätestens mit ihrem Weltbestseller „Babel“, der über zehn Millionen Mal (!) verkauft wurde und zahlreiche Preise gewann, hat Rebecca F. Kuang bewiesen, wie tiefgründig und politisch Literatur aus dem Bereich Fantasy sein kann (auch wenn das natürlich nicht immer der Fall sein muss).

Rebecca F. Kuang gehört zu den aktuell erfolgreichsten Autor:innen weltweit

Kuang hat mit ihren 29 Jahren bereits einen ellenlangen Lebenslauf. Und einen ziemlich beeindruckenden noch dazu. Sie absolvierte einen Philologie-Master in Chinastudien in Cambridge und einen Soziologie-Master in zeitgenössischen Chinastudien in Oxford, promoviert momentan in ostasiatischen Sprachen und Literatur in Yale. Sie zählt sowohl zur Liste der TIME100 als auch zu den Forbes „30 Under 30“ und ist zweifache Preisträgerin des British Book Award. Nach der „Poppy War“-Trilogie veröffentlichte sie ihren ersten Fantasy-Roman „Babel“ und schließlich den literarischen Roman „Yellowface“. Heute, am 26. August, erscheint nun ihr sechstes Buch „Katabasis“, in dem sie wieder zu Fantasy zurückkehrt.

Darum geht es in Kuangs neuem Fantasy-Roman “Katabasis”

„Katabasis“ handelt von Alice, einer ehrgeizigen Doktorandin der Analytischen Magie in Cambridge, die nach dem Tod ihres Professors beschließt, ihm in die Hölle zu folgen und seine Seele zu retten. Doch hinter der fantastischen Reise verbirgt sich mehr: Alice kämpft nicht nur mit den Schrecken der Hölle, sondern auch mit den Machtstrukturen aus ihrem akademischen Alltag – der ständigen Infragestellung ihrer Fähigkeiten und einem Professor, der seine Stellung für übergriffiges Verhalten missbraucht hat. So wird die Höllenfahrt zu einer Metapher für ihre eigene Emanzipation.

Rebecca F. Kuang im VOGUE-Interview über ihren neuen Roman „Katabasis“

Das Interview findet per Zoom statt. Rebecca F. Kuang sitzt am Schreibtisch neben ihrem Bücherregal in ihrem Zuhause in New York, trägt ein schlichtes weißes Top und hat ihre Haare zu einem Zopf gebunden. Zwar spricht sie langsam und sanft, tritt aber gleichzeitig selbstsicher auf und wählt ihre Worte bedacht und präzise. Man spürt sofort, dass ihre Ruhe nichts mit Unsicherheit zu tun hat. Vielleicht liegt ja gerade darin das Geheimnis ihres Erfolgs.

Das fasziniert Rebecca F. Kuang generell an Fantasy

Rebecca F. Kuang: Über diese Frage habe ich in den letzten Jahren viel nachgedacht. Ich wünschte, ich hätte eine richtig ausgefeilte Verteidigung für das Fantasy-Genre. Aber der Grund, warum ich immer wieder Fantasy schreibe, ist einfach, dass ich es liebe. Fantasy ist das, was ich als Kind gelesen habe. Und es war mein Lieblingsgenre, als ich meine Karriere gestartet habe. Es macht einfach sehr viel Spaß. Ich komme ganz natürlich immer wieder darauf zurück.

Fanden sie die Fantasyromane, die sie früher gelesen haben, zu flach?

Ich habe Fantasy nie als flach empfunden. Ich bin mit Tolkiens „Der Herr der Ringe“ großgeworden und fand Fantasy schon immer gehaltvoll und tiefgründig. Schon lange vor meiner Zeit schrieben Leute Fantasy, um politische Botschaften zu vermitteln.

Einer meiner Lieblingsautoren, Kazuo Ishiguro, schreibt Fantasy und Science-Fiction und wurde mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. „Alles, was wir geben mussten“ stammt von ihm, sowie „Der begrabene Riese“ und sein neuestes Werk „Klara und die Sonne“. Niemand würde behaupten, Ishiguros Werke seien schlecht geschrieben oder oberflächlich. Ich denke auch an Gabriel García Márquez und den magischen Realismus in seinen Werken. Niemand würde wagen zu sagen, dass diese keinen literarischen Anspruch haben. Wenn Leute Fantasy kritisieren, dann haben sie eine sehr enge Definition von populärer kommerzieller Fantasy. Aber selbst dann finde ich es ein bisschen snobistisch. Die reine Vorstellungskraft und das World Building sind kunstvoll und regen zu interessanten Reflexionen über die menschliche Existenz an.

Die Hauptfigur ist eine ziemlich schlechte Feministin. Zwar behandelt der Roman feministische Themen, ich würde aber keine der Figuren als Feministin bezeichnen. Alice verkörpert einen Typ Mensch, der strukturelle Ungleichheit um sich herum nicht sehen will oder nicht glaubt, dass sie für ihn gelten könnte. Es ist ein Roman über Selbsttäuschung, angesiedelt in den 80ern – der Ära des Neoliberalismus in den USA und Großbritannien, der Ära von Reagan und Thatcher. In dieser Ideologie weigert man sich, die eigenen Probleme auf institutionelle Unterdrückung oder Ungleichheit zurückzuführen, und glaubt, ganz alleine für den eigenen Erfolg verantwortlich zu sein. Alice, die in diesem Umfeld aufgewachsen ist, denkt: Wenn ich scheitere, liegt es nur daran, dass ich nicht gut genug war und nicht hart genug gearbeitet habe. Sexismus erkennt sie nicht als Problem. Wenn sie dann unvermeidlich Opfer von institutionellem Sexismus wird, fehlen ihr die Werkzeuge, damit umzugehen.

Ich glaube nicht, dass irgendein Genre mehr oder weniger für politische Themen geeignet ist. Alle Geschichten sind bis zu einem gewissen Grad politisch.

Das diente als Inspiration für „Katabasis

Für Frauen in den Naturwissenschaften war es immer schwer, aber ich habe die 80er gewählt, weil bis dahin einige Wellen feministischen Denkens durchgedrungen waren. Frauen konnten wählen, es gab viel lautere Diskussionen über Frauen an Universitäten und deren Repräsentation in verschiedenen Branchen. Aber in „Katabasis“ erleben wir die Gegenreaktion auf diese feministische Welle. Alices Generation wächst mit der Vorstellung auf, frühere Feministinnen seien hysterisch und übertrieben und man sollte sich von ihnen distanzieren. Wie wir im Buch sehen, hat das Folgen.

Wie ist die Idee zu „Katabasis“ entstanden? Mit einer Figur, dem Setting, dem politischen Thema?

Es begann mit dem Magiesystem (also die Regeln und Strukturen, nach denen Magie in einer erfundenen Welt funktioniert, Anm. d. Red). Für mich beginnt es immer mit dem Magiesystem. Ich wurde sehr fasziniert von Logikparadoxen und deren Bedeutung für unser Verständnis von Philosophie und klassischer Logik. Das überschneidet sich mit meinen Fragen zu Selbsttäuschung und Problemen rationaler Entscheidungsfindung. Sobald das für mich klar war, fügten sich die restlichen Elemente der Geschichte wie von selbst zusammen.

Welche Bücher – oder auch Filme, Mythen … – haben Sie bei „Katabasis“ als Inspiration herangezogen?

So viele! Ich beschränke mich jetzt mal auf fünf: Natürlich Dantes „Inferno“, das im Buch sehr präsent ist. Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“, von dem ich mir die skurrile und nonsensartige Erzählweise abgeschaut habe. T. S. Eliots Gedicht „Das wüste Land“ wird oft zitiert, besonders in den späten Kapiteln. Es gibt eine großartige Zeile: „I will show you fear in a handful of dust“, die ich direkt ins Buch eingebaut habe, weil ich sie so mochte. Sylvia Plath mit ihrer Lyrik, aber auch mit „Die Glasglocke“. Besonders der Umgang mit Wahnsinn und der Unzuverlässigkeit des eigenen Geistes, die man auch in Alice wiederfindet. Und schließlich der Film „Der Junge und der Reiher“ von Hayao Miyazaki, der im selben Jahr herauskam, als ich den Roman überarbeitete – mit seiner großartigen Darstellung von Jenseits, Trauer und Einsamkeit.

Kuang über Lieblingsbücher und ihre Schreibroutine

Wenn ich längere Zeit zu Hause bin, erledige ich das Schreiben immer am Morgen. Ich baue meinen Tag grundsätzlich um die schwierigste Aufgabe herum, dann kommt die zweitschwierigste, und je weiter der Tag fortschreitet, desto leichter werden die Aufgaben. Für mich ist das Härteste, was ich mir vorstellen kann, Joggen. Also stehe ich auf und laufe erst mal ein paar Meilen. Das Laufen ist wichtig, weil ich so überschüssige Energie abbauen und meinen Kopf beruhigen kann. Dabei überlege ich auch schon, woran ich an dem Tag arbeiten will. Dann setze ich mich hin und schreibe. Etwa drei bis vier Stunden, das ist mein Maximum. Danach ist meine Energie aufgebraucht, und ich möchte nichts erzwingen. Am Nachmittag korrigiere ich meine Texte, arbeite Studieninhalte auf, beantworte E-Mails oder habe Meetings und Interviews. Das erfordert Konzentration, aber nicht Kreativität.

Was war Ihr letztes Fünf-Sterne-Buch?

Ich bin gerade mitten in einem Buch. Ich habe es noch nicht beendet, aber ich weiß, es bekommt fünf Sterne. Es heißt „Murderland“ von Caroline Fraser. Es ist eigentlich ein Sachbuch, aber der Schreibstil ist großartig. Es ist noch meisterhafter als manche fiktionalen Texte, die ich gelesen habe. Es geht um Serienmörder und Umweltverschmutzung in den USA. Es verwebt geschickt verschiedene soziale Themen mit spannenden Erzählungen. Es macht richtig Spaß.

Gibt es ein Buch, bei dem Leser:innen erstaunt wären, es auf ihrem Regal vorzufinden?

Rebecca F. Kuang arbeitet bereits an ihrem nächsten Projekt

Das ist das sechste Mal, dass ich das mache, daher bin ich nicht mehr so nervös wie früher. Was mir hilft, ist, Digital Minimalism zu praktizieren. Ich bin kaum in sozialen Medien aktiv und nutze fast keine Apps, in denen Menschen über mich sprechen. So bleibe ich geerdet und konzentriert. Ich arbeite einfach direkt an der nächsten Sache.

Klar, ich arbeite immer am nächsten Roman. Mein siebter Roman wird „Taipei Story“ heißen und in einem Sommer in Taiwan spielen. Er behandelt viele der gleichen Themen wie „Babel“ – Identität, Trauer, Sprache und Übersetzung –, ist aber ein literarischer Roman.

Und was machen Sie, wenn der Roman erscheint? Lesen Sie dann sofort die ersten Rezensionen?

Ich werde mich komplett fernhalten und meinen inneren Frieden finden. Ich denke, es ist nicht gut, zu viel über sich selbst nachzudenken. Früher habe ich viele Rezensionen gelesen und mich gefragt, wie ich rüberkomme. Ob mich die Leute mögen.

Oft denke ich an einen Essay von Sally Rooney, der eigentlich vom Debattieren handelt. Darin schreibt sie: Der Versuch, in einer Aktivität erfolgreich zu sein, lehrt einen viel über diese Aktivität und die anderen Teilnehmer:innen – aber Gewinnen lehrt einen nur etwas über sich selbst. Das habe ich mir zu Herzen genommen.