Kein zwischenmenschliches Konstrukt dominiert unser gesellschaftliches Leben mehr, als die romantische Liebe. Filme, Gespräche mit Freund:innen, Bücher – nichts kommt ohne die Erzählungen über Partner:innenschaften aus. Auch die österreichische Autorin Beatrice Frasl widmet sich in ihrem neuen Buch dem Thema Liebe – allerdings aus einer anderen, so gar nicht romantischen Perspektive.

Frasl studierte Anglistik und Gender Studies in Wien, war als freie Journalistin und Gleichbehandlungsreferentin tätig und betreibt außerdem den Podcast „Große Töchter“, in dem sie feministische Themen behandelt. Nachdem sie sich in ihrem ersten Buch „Patriarchale Belastungsstörung“ mit dem Zusammenhang zwischen Gesundheit und Geschlecht beschäftigte, plädiert sie in ihrem zweiten Werk „Entromantisiert euch“ dafür, die romantische Liebe abzuschaffen. Wir haben die Autorin zum Interview getroffen.

Beatrice Frasl im VOGUE-Interview über ihr neues Buch „Entromantisiert euch“ und darüber, warum wir die romantische Liebe abschaffen sollten

Beatrice Frasl: Aus der Recherche zu meinem ersten Buch. Ich habe viele Studien dazu gelesen, wie Einsamkeit krank machen kann und wie wichtig Beziehungen für uns sind. Aber gleichzeitig stellte sich dort heraus, dass die eine Beziehung, über die ständig gesprochen wird – die heterosexuelle Paarbeziehung – Frauen eher belastet, statt ihnen zu helfen, während vor allem Männer davon profitieren. Laut Studien leben Männer, die mit Frauen verheiratet sind, länger als Männer, die alleine leben, ernähren sich gesünder, machen mehr Sport, gehen häufiger zum:zur Ärzt:in. Bei Frauen ist es genau umgekehrt. Diese Ambivalenz hat mich interessiert.

Das ist ein sehr umfangreiches Thema, aber ich kann einen Punkt herausnehmen, an dem es besonders deutlich wird. Die Idee der Liebesehe ist etwas, das erst im 19. Jahrhundert einen Platz in der Gesellschaft gefunden hat – parallel zur Industrialisierung. Davor wurde in Aristokratie und Bürgertum nur geheiratet, um Herrschaftsgebiete oder Besitz auszuweiten oder zu sichern, oder für Reproduktion. Emotionale Beziehungen wurden vorrangig außerhalb der Ehe geführt. Durch die Ausweitung kapitalistischer Verhältnisse wurde vermehrt außerhalb des eigenen Zuhauses gearbeitet, was hieß, dass jemand zu Hause bleiben und die Kinder betreuen musste, während die Arbeit zuvor größtenteils zu Hause stattgefunden hat. Daraus entstand gewissermaßen eine Trennung zwischen öffentlicher und privater Sphäre – erstere war männlich konnotiert, zweitere weiblich. Die große Frage ist, wie man ein solches System aufrecht erhält, in dem vor allem Frauen ihre Zeit oft anderen widmen, ohne dafür bezahlt zu werden, denn Geld bedeutet in unserer Gesellschaft Macht. So kam die Liebe ins Spiel: Der Lohn der Frau für ihre Arbeit ist Liebe. Und auch gar nicht die Liebe, die sie von ihrem Mann und ihren Kindern bekommt, sondern die Liebe, die sie selbst gibt.

So ist es ja eigentlich auch heute noch – Care-Arbeit wird nach wie vor nicht bezahlt.

Das besteht bis heute weiter, ja, allerdings in einer weniger krassen Form. Trotzdem führt es noch immer oft dazu, dass sich Frauen in Beziehungen zu Männern aufgeben. Wir wissen aus Zeitverwendungsstudien, dass die Arbeitsverteilung weiterhin sehr ungerecht ist. Mein Punkt in dem Buch ist, dass das kein Zufall oder persönliches Versagen ist, sondern dass die Art, wie Haushalt und Arbeit organisiert sind, strukturell in den Beziehungen verankert ist.

Ich glaube, dass es in dem System, in dem wir jetzt leben, nicht möglich ist. Sollte es irgendwann ein Leben ohne Patriarchat und Ausbeutungsverhältnisse geben, sieht es vielleicht anders aus. Dann wäre die romantische Liebe vielleicht weniger von unterdrückerischen Tendenzen belastet. Selbst wenn beide der Meinung sind, dass Arbeit gleichberechtigt aufgeteilt werden soll und sich bemühen, ihre Beziehung so einzurichten, lebt man immer noch in einer Gesellschaft, die auf das Gegenteil von Gleichberechtigung ausgerichtet ist. Das plakativste Beispiel dafür ist, dass Frauen immer noch grundsätzlich weniger verdienen als Männer. Sobald es an die Familienplanung geht, kommt die Frage auf, auf welches Einkommen man eher verzichten kann. Man wird also immer an Grenzen stoßen, egal wie sehr man sich in der eigenen Beziehung bemüht.

Ich habe schon früh überall um mich herum gesehen, wie unglücklich viele Frauen in diesem Modell waren. Ich habe sehr viel Eingesperrtheit wahrgenommen und Erschöpfung, es ging immer darum, sich aufopfern zu müssen. Gleichzeitig habe ich andere Frauen, die ein bisschen dem Klischee der unverheirateten Tante entsprachen, immer als sehr gut drauf erlebt. Die kamen bei den Geburtstagen immer gut gelaunt mit den besten Geschenken an, während die Mütter alle völlig überarbeitet waren. Als Kind habe ich da natürlich weniger gesellschaftskritisch darüber gedacht, aber ich habe es immer als etwas wahrgenommen, das mir irgendwann auch drohen könnte, und das hat mir ein großes Unbehagen hervorgerufen. Deswegen habe ich schon früh gesagt, dass ich keine Kinder und auch keinen Mann will. Als ich jünger war wurde das nie ernst genommen, dann hieß es immer, das wird sich schon noch ändern, wenn du den Richtigen triffst. Jetzt, mit 38, werde ich endlich respektiert mit meiner Entscheidung. Aber trotzdem merke ich auch an den Reaktionen zu meinem Buch, wie kontrovers sie ist.

„Ich habe schon früh gesagt, dass ich keinen Mann und keine Kinder will […] Jetzt, mit 38, werde ich endlich respektiert mit meiner Entscheidung.“

Beatrice Frasl

Körperliche Nähe ist ein menschliches Grundbedürfnis und es ist ein großes Problem, dass wir sie fast ausschließlich in sexuelle und romantische Beziehungen verfrachtet haben. Wir brauchen Berührungen, auch abseits von Sexualität. Das ist auch kein triviales Bedürfnis, sondern ganz zentral für uns. Ich plädiere sehr dafür, Berührung nicht nur in romantischen und sexuellen Beziehungen stattfinden zu lassen, sondern sie sich auch in Freund:innenschaften zurück zu erobern – einander im Arm zu liegen, einander zu umarmen, auch nebeneinander im Bett zu schlafen. Wir leben in einer sehr berührungsarmen Gesellschaft und das ist weder naturgegeben noch unveränderbar, noch war es immer so, auch wenn wir das möglicherweise so empfinden. Sehr spannend finde ich hierbei immer alte Bildbände, die Freundschaften zwischen Männern zeigen, die körperlich so nahe sind, dass wir sie aus heutiger Perspektive als romantisches Paar lesen würden.

Wie kam es zu diesen Entwicklungen?

Die zwei Routen über die ich das Verschwinden körperlicher Nähe aus unseren Freundschaften erkläre sind die kulturelle Dominanz des Männlichen und zum anderen Homophobie. Steve Bearman beschreibt in seinem Text „Why Men are So Obsessed with Sex“, wie Männern von klein auf ein sanfter oder zärtlicher Umgang mit dem eigenen Körper und dem Körper anderer abtrainiert wird. Nähe ist kompatibel mit Männlichkeitsansprüchen vor allem in Form von Gerangel möglich. Jede Form platonischer Zärtlichkeit und Zartheit wird ausgetrieben. Auf diesem Wege wird Sex zur einzigen Möglichkeit, anderen Menschen körperlich nah zu sein. Körperliche Nähe ausschließlich in sexuelle Beziehungen zu verlagern ist also ein männlicher oder ein ansozialisiert-männlicher Beziehungsmodus der sich über die kulturelle Dominanz des Männlichen auf all unsere platonischen Beziehungen ausgeweitet hat.

Und wie spielt das Thema Homophobie eine Rolle?

Der zweite Grund, warum wir uns körperlich von unseren Freund:innen entfernt haben ist die Angst als homosexuell gelesen zu werden. Historisch war diese Angst insofern gut begründet, da Homosexualität nicht nur mit gesellschaftlicher Ausgrenzung verbunden war sondern mit Strafverfolgung. Spannend ist hierbei: Je sichtbarer Homosexualität gesellschaftlich wurde, desto berührungsloser wurden gleichgeschlechtliche Freund:innenschaften. In Kulturen, in denen Homosexualität keine Denkmöglichkeit darstellt, weil sie so marginalisiert ist, ist gleichgeschlechtliche platonische körperliche Nähe, vor allem unter Männern, viel normalisierter.

Eigentlich geht es weniger darum, bestimmte Beziehungsformen abzuschaffen, sondern mehr um die Dinge, die damit einhergehen. Wenn ich sage, dass man die romantische Liebe abschaffen sollte, meine ich damit, welche kulturellen Vorstellungen damit einhergehen. Die Frage ist dann, was davon eigentlich noch übrig bleibt – würden wir das dann noch als romantische Liebe erkennen? Was wäre dann noch der Unterschied zu Freund:innenschaften? Diese Überhöhung, die Paarbeziehungen über alles andere stellt, ist schon so sehr mit der romantischen Liebe verknüpft, dass sie fast nicht mehr zu erkennen ist, wenn man sie von ihrem Podest herunterholt.

Tatsächlich melden mir viele auf das Buch zurück, dass sie gerne freund:innenschaftszentrierter leben wollen. Das heißt nicht, dass man auf romantische Beziehungen verzichten muss, aber dass es eben eine von mehreren Beziehungen im Leben ist. Aber es passiert leider nicht selten, dass Menschen quasi von der Bildfläche verschwinden, sobald sie eine romantische Beziehung eingehen. Neben den strukturellen Hürden braucht man natürlich auch ein Umfeld, mit dem man so leben kann – und das ist schwierig. Ich habe das selbst schon oft erlebt.

Sehen Sie gerade einen gesellschaftlichen Wandel, was das betrifft?

Ich glaube schon, dass wir da gerade in einem Prozess sind, weil sich aktuell sehr viele Menschen darüber Gedanken machen. Auch statistisch kann man erkennen, dass romantische Beziehungen immer irrelevanter werden. Es heiraten weniger Menschen, die Scheidungsrate und die Anzahl an Single-Haushalten steigt – auch wenn ich den Begriff „Single“ nicht mag. Das heißt, wir werden früher oder später an einen Punkt kommen, an dem wir andere Modelle brauchen. Und es wird spannend sein zu beobachten, was das für Modelle sind, denn Menschen sind ja keine Einzelgänger:innen, sondern suchen Verbindung und Gemeinschaft.

Wieso sind Sie gegen den Begriff „Single“?

Also einerseits funktioniert dieser Begriff nur, weil die Romantik in unserer Gesellschaft so sehr zentriert ist, sonst würde er keinen Sinn ergeben. Warum soll man Menschen in unterschiedliche Kategorien einordnen, je nachdem ob sie eine:n romantische:n Partner:in haben oder nicht? Ich bin ja auch nicht Single, wenn ich keine Geschwister oder keine Freund:innen habe. Außerdem gibt es Studien darüber, dass vor allem Frauen, die nicht in einer romantischen Beziehung sind, oft viel besser gesellschaftlich eingebunden sind – also eigentlich weniger Single als manche Frauen in einer romantischen Beziehung. Was der Begriff suggeriert, stimmt einfach nicht: Wir sind nicht Single, nur weil wir in keiner romantischen Beziehung sind.

Beatrice Frasl

Wir haben ja schon festgehalten, dass nicht-romantische Beziehungen eine negative Auswirkung auf Frauen haben können. Liegt das aber nicht auch daran, dass ein viel größeres Konfliktpotenzial besteht, wenn man zusammenlebt, Kinder erzieht und Lebensentscheidungen gemeinsam trifft? Würde das nicht auf andere Formen von Beziehungen genauso zutreffen, wenn man seine Prioritäten dahingehend verschiebt?

Auf jeden Fall gibt es in Paarbeziehungen Probleme, die aufgrund der Nähe entstehen. Es stimmt, dass in wirklich engen Freund:innenschaften irgendwann ähnliche Themen aufkommen können, vor allem, wenn man sich entschließt, auch in solchen Beziehungen zusammen zu leben und eine Familie zu gründen. Das heißt, wenn man Freund:innenschaften verbindlicher gestalten will – wofür ich argumentiere – muss man auch hier die anstrengende Beziehungsarbeit in Form von Gesprächen leisten. Das ist die schlechte Nachricht.

Und die gute?

Die gute ist, dass Freund:innenschaften gesellschaftlich anders betrachtet werden, weil sie nicht so sehr mit einem Exklusivitätsanspruch verknüpft sind, und das ist ein wichtiger Punkt. Wenn ich von einem gewissen Beziehungstyp, in dem Fall eine:n romantische:n Beziehungspartner:in, nur einen in meinem Leben habe, muss die Person sehr viele Ansprüche erfüllen und die Beziehung alles mögliche abdecken. Verteilt man diese Ansprüche auf mehrere Menschen, kann das Beziehungen extrem entlasten. Zum Beispiel wenn ich sage, ich habe einen Ehemann, aber will gerne mit meiner besten Freundin zusammenziehen. Oder ich würde gerne Kinder mit meinem besten Freund kriegen statt mit meinem:meiner Partner:in. Ich bin dafür, mit diesen Dingen kreativer umzugehen, anstatt alles auf eine Beziehung zu fokussieren. Es werden also auch in Freund:innenschaften mehr Konflikte entstehen, aber ich glaube dieser Exklusivitätsanspruch macht sehr viel aus. Diese Rückmeldung bekomme ich auch von Menschen, die in so einem Modell leben.

Also erstmal muss man festhalten, dass wir alle Opfer dieser Verhältnisse sind. Mein Buch wird oft missverstanden als sarkastisches Lächerlichmachen über andere. Tatsächlich mache ich mich eigentlich vor allem über mich selbst lustig, weil ich diesen Strukturen genauso verfallen bin. Ich habe ja auch beschrieben, das ich selbst in meiner ersten romantischen Beziehung aus allen meinen Freund:innenschaften verschwunden bin. Ich halte es für eine gute Idee, sich auch mit den engsten platonischen Beziehunspersonen im eigenen Umfeld auszutauschen, sie also so zu behandeln, wie man sonst nur romantische Beziehungen behandeln würde und zu fragen: Wie verbindlich ist diese Beziehung für dich? Was können wir voneinander erwarten? Sind wir das, was man im romantischen Sinne ein „Situationship“ nennen würde oder sind wir zusammen?

Frauen werden von klein auf so geprägt, dass eine romantische Beziehung das Maß aller Dinge, das ultimative Lebensziel ist – und das idealerweise in der monogamen Version und mit einem Mann. Ohne die unbezahlte Arbeit, die darin geleistet wird, könnten wir unser System, auch unser Wirtschaftssystem, nicht aufrecht erhalten. Wenn ich mir diese Strukturen anschaue, ist das also kein Zufall. Viele Frauen glauben auch lange daran und brauchen sehr viele negative Erfahrungen, bis sie sich von dieser Vorstellung lösen.

Ich glaube, dass patriarchale Verhältnisse damit einen ihrer wesentlichsten Grundsteine verlieren würden. Was dann konkret passieren würde, weiß ich nicht genau, aber ich glaube, dass es uns alle um einiges freier machen würde. Ich glaube aber auch, dass diese Entwicklung schon passiert. Wir sehen an den Statistiken, dass Frauen sich immer weiter aus heterosexuellen Paarbeziehungen hinausbewegen – also quasi in Streik gehen, in dem sie zum Beispiel sagen, dass sie keine Kinder bekommen möchten. Und dass die Reaktion darauf eine gewaltvolle ist, kann man schon jetzt erkennen. Das Wiederaufkommen der toxischen Männlichkeit, der Tradwife-Trend, der Fokus auf die Geburtenrate und der Hass auf „Single Cat Ladies“ – all das sind nicht nur kulturelle Phänomene, sie werden auch zusätzlich politisch befeuert. Das Patriarchat geht nicht leise – und Männer gehen offensichtlich sehr schlecht damit um, dass Frauen sie nicht mehr brauchen.

„Das Patriarchat geht nicht leise – und Männer gehen offensichtlich sehr schlecht damit um, dass Frauen sie nicht mehr brauchen.“

Beatrice Frasl

Woran können wir das erkennen?

Während die Incel-Kultur vor ein paar Jahren noch ein sonderbares Internetphänomen war, haben wir heute Regierungschefs mit dieser Haltung. Das liegt daran, dass Frauen vermehrt nein sagen und sich aus der männlichen Kontrolle begeben. Dieser Zusammenhang wird nicht ausreichend deutlich gemacht. Es ist kein Zufall, wenn die Wahl von Trump mit „Your body, my choice“ gefeiert wird. Diese Ideologie sagt: „Ihr gehört uns. Ihr werdet für uns arbeiten – gratis.“ Dazu gehört auch, den Zugang zu Abtreibung zu verschlechtern und damit weibliche Reproduktion und Sexualität zu kontrollieren. All das ist Teil derselben Ideologie und hängt damit zusammen, dass Frauen gebildeter und finanziell unabhängiger sind als je zuvor, Männer tatsächlich nicht mehr brauchen und Männer gewollt werden müssen – und die merken, dass traditionelle Männlichkeit nicht mehr zieht. Ich denke ganz allgemein können wir nur gewinnen, wenn wir Liebe, Familie, Beziehung und Verbindung breiter definieren. Weil wir so auf die romantische Liebe konditioniert sind, kann es sich im ersten Moment wie ein Verlust anfühlen, sie zu depriorisieren. Aber im Endeffekt bedeutet es mehr Liebe für uns alle.