Kompositionen von Bach, Rothkos Farbfelder, Abramovics Performances oder Monets Seerosen – Kunst lässt uns schaudern, weinen, beruhigt und berührt uns. In Literatur, Ballett, Museum oder Konzert erleben wir Inspiration und Emotionen. Während in England oder Kanada das Betrachten von Kunst aufgrund der wohltuenden und sogar heilenden Wirkung bereits ärztlich verschrieben werden kann, befinden sich Deutschland und Österreich noch in der Pilotphase. Matthew Pelowski forscht als Assistenzprofessor für Psychologie der Kognitions- und Neuroästhetik an der Uni Wien zu diesem Thema. Hier erklärt er uns, warum das Erleben von Kunst die Lebensqualität steigert, welche am stärksten wirkt und was das mit buddhistischer Erleuchtung zu tun hat.
Matthew Pelowski: Wir haben herausgefunden, dass sich bei Angstzuständen, negativen Stimmungen und Einsamkeit selbst das kurze Betrachten eines einzelnen Gemäldes – sei es im Museum oder digital – positiv auswirkt. Der Effekt nach einem Museumsbesuch zeigt sich am selben Tag sehr deutlich, am folgenden Abend bereits gar nicht mehr. Das deutet wiederum auf eine recht begrenzt nachhaltige Wirkung eines Museumsbesuchs hin. Es ist aber auch ein Argument dafür, dass künstlerische Aktivitäten in den Alltag integriert werden sollten, da sie an dem Tag, an dem sie stattfinden, bedeutende Veränderungen bewirken.
Warum hat Kultur diesen positiven Effekt auf uns?
Die Frage ist doch, warum dies nicht der Fall sein sollte. Kunst und kulturelle Aktivitäten sind tief in unseren Gesellschaften und unserer Freizeit verankert. Künste können vielfältige Reaktionen hervorrufen, sie regen uns zum Nachdenken an, lassen uns fühlen, Assoziationen herstellen, nach Bedeutung suchen, menschliche Verbindungen reflektieren und vieles mehr. Sie können uns sogar dazu bringen, das Haus zu verlassen, etwas Besonderes zu unternehmen, spazieren zu gehen. All das kann sich positiv auf unser Wohlbefinden auswirken. Kunst lässt uns allerdings nicht nur “besser” fühlen. In der Tradition der Künste ist fest verwurzelt, dass sie uns auch konfrontiert, irritiert und Unbehagen bereitet. Auch das kann wichtig für unser Wohlbefinden sein, besonders im Kontext persönlicher Entwicklungen und Reflexionen.
„Kunst kann unsere Sinnesbahnen anregen und die Integration von Erinnerungen und die Sinnfindung fördern.“
Und was passiert dabei im Gehirn?
Für viele Menschen ist das Betrachten von Kunst ein Vergnügen, wir sehen dabei Aktivität in den orbitofrontalen und mesolimbischen Belohnungsbereichen des Gehirns. Kunst kann zudem unsere Sinnesbahnen anregen und die Integration von Erinnerungen und die Sinnfindung fördern. Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass sehr angenehme oder bewegende künstlerische Erfahrungen auch die Aktivität im Ruhezustandsnetzwerk erhöhen können (jenem Hirnnetzwerk, das in inneren Gedankenprozessen wie Selbstreflexion oder Tagträumen aktiv ist, Anm. d. Red.).
Welche Reaktionen beobachten Sie, wenn Kunst im Museum betrachtet wird?
Sehr unterschiedliche – manche sind transformativ und selbstreflexiv, manchmal verlieren sich die Menschen in der Betrachtung und empfinden einfach nur Freude, manchmal sehen sie etwas Neues oder werden wütend. Meistens sind sie allerdings etwas gelangweilt oder eilen schnell zum nächsten Kunstwerk. Wir haben diese Muster bei Tausenden von Menschen gesehen, und das Fazit ist, dass bei jeder Person jede dieser Reaktionen gefunden werden kann. Es gilt nun herauszufinden, welches Erleben das passende für das einzelne Individuum ist.
Über Kunst als mögliche Therapie-Ergänzung
Es klingt, als könnte Kunsterleben mit psychotherapeutischen Prozessen verglichen werden?
Kunst kann tatsächlich gleiche Prozesse hervorrufen. Es sollte aber sorgfältig überlegt werden, welche Mechanismen eingesetzt werden. Kunst kann eine großartige Ergänzung zur Therapie darstellen, da sie allgegenwärtig einfach zugänglich ist und den Menschen Freude bereitet. Es ist dann aber ratsam, eine:n Experte:in zur Anleitung zu haben.
Welche Kunst ist besonders wirkungsvoll?
Die Kunsterfahrung muss für die Betrachtenden bedeutungsvoll oder persönlich relevant sein; es gibt keine Einheitslösung.
Gibt es bestimmte Formen der Kunst, die stärker mit Wohlbefinden korrelieren?
Viele Menschen empfinden impressionistische Werke als besonders angenehm und fühlen sich dadurch besser. Das gilt aber nicht für alle. Manche erleben lieber ein Ballett oder ein Konzert. In der Kunsttherapie lassen wir die Personen verschiedene Kunstformen ausprobieren, um herauszufinden, was ihnen zusagt.
Spielt auch das Museum oder Theater selbst eine Rolle?
Ja, schon der Besuch dieser Orte an sich kann als etwas Besonderes empfunden werden, das uns aus dem Alltag reißt und soziale Kontakte ermöglicht, und all das ist wichtig.
Wie sollte das ideale Museum dann gestaltet sein?
Ich würde das Narrativ des Museums in Richtung eines Tastings verändern. Sodass es darum geht, dort genau die Erfahrung zu finden, die Besucher:innen individuell anspricht.
Gibt es Forschungen zu transzendenten Erfahrungen?
Zum Erfahren einer höheren, göttlichen Ebene oder Allmacht haben wir keine Ergebnisse, da genau das außerhalb des Erkenntnisbereiches liegt. Es gibt aber einige Forschungsergebnisse dazu, wie es sich anfühlt, zu transzendieren, sich selbst zu verlieren, eine Erleuchtung zu haben. Beispielsweise haben wir eine Arbeit über das Gefühl des “Satori” verfasst, also der buddhistischen Erleuchtung im Zusammenhang mit dem abstrakten Expressionismus und Gemälden von Mark Rothko. Die befragten Personen berichteten, dass sie beim Betrachten dieser Werke das Gefühl der Transzendenz recht häufig verspürten.
Durchaus mit einer spirituellen Erfahrung vergleichbar …
Menschen beschreiben religiöse Erfahrungen als Erkenntnis, Selbsttranszendenz, tiefe Verbindung, soziale Zugehörigkeit – das entspricht dem Erleben von Kunst. Mir fällt dazu eine Studie von William James zur Vielfalt religiöser Erfahrungen ein. Darin berichten beispielsweise Spitzensportler:innen, wie sich ein Match oder Wettkampf ganz von selbst, quasi durch sie hindurch vollzöge. Vergleichbar sind die Erfahrungen von Musiker:innen, die schildern, wie die Musik gewissermaßen durch sie hindurchfließt.
Was denken Sie über Museumsbesuche auf Rezept?
Wir sind aktuell in einer spannenden Phase. Institutionen und Staat haben großes Interesse und die Finanzierungsbereitschaft, Kunst für unser Wohlbefinden einzusetzen. Wir brauchen aber dringend noch bessere wissenschaftliche Evidenz und sollten jetzt eine fundierte Grundlage darüber aufbauen, was Kunst tatsächlich bewirken kann, welche Erfahrungen am fruchtbarsten sind, für wen, wann und warum sie funktionieren.