Es ist 2016, und ich starre in meinem Zelt auf dem Glastonbury Festival ins Leere. Laut Wissenschaftler:innen ist es das heißeste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen. „Die Erde war seit 115.000 Jahren nicht mehr so warm“, haben sie gerade im Radio gesagt – mit ernster Stimme. Der Schweiß läuft mir übers Gesicht. Ich habe ein Magengeschwür. Irgendwo da drüben spielen Coldplay. Oder sind es Muse? Ein paar Meter weiter lausche ich einem Gespräch. „Großbritannien ist gerade aus der EU ausgetreten“, sagt jemand. „Wir sind alle am Arsch.“ Na toll. Ich verlasse mein Zelt und krieche praktisch zu den „Toiletten“ (sprich: ein großes Loch im Boden, voll mit allem nur Erdenklichen). Ich habe mich noch nie – wirklich noch nie – in meinem Leben so ängstlich gefühlt.
2026 ist das neue 2016: Der Nostalgie-Trend erobert Social Media
Diese Woche wird viel über 2016 geredet. Leute posten alte Selfies mit Micro-Pony und Septum-Piercings, die Hände zu Peace-Zeichen erhoben. Alle sehen aus, als hätten sie den „Babyface“-Filter benutzt, und es gibt eine beunruhigende Menge Dr. Martens und Kreuzohrringe. Der Grundton ist Nostalgie: Schaut, wie unschuldig wir damals waren! Wie viel Spaß wir hatten! Und ja, ich verstehe das. Auch ich habe mir für 2,50 Pfund bei G-A-Y Late giftgrüne Shots reingekippt. Aber ich habe das Gefühl, dass alle vergessen, dass 2016 gleichzeitig das schlimmste Jahr aller Zeiten war. Die Jahre danach waren natürlich auch nicht gerade rosig – wir erinnern uns alle an 2020 –, aber 2016 war der Anfang der Verfluchten Jahre. Eine Art Dominoeffekt.
Wir hätten eigentlich schon ahnen müssen, dass 2016 schlimm werden würde, als Alan Rickman im Alter von nur 69 Jahren starb – gerade mal zwei Wochen nach Jahresbeginn. David Bowie – ja, der echte Ziggy Stardust, der wirklich einmal unter uns gelebt hat – folgte zwei Tage später. Drei Monate danach starb Prince, und zwei Monate später Muhammad Ali. Am Anfang war es noch düster-komisch – „Warum sterben plötzlich alle? Haha!“ – aber dann wurde es einfach nur noch seltsam und unheimlich. Als George Michael, ein Engel in Menschengestalt, am ersten Weihnachtstag im Alter von nur 53 Jahren starb, sagten wir alle dasselbe: 2016 wird als das schlimmste Jahr aller Zeiten in die Geschichtsbücher eingehen. Wie schnell die Leute das wieder vergessen.
2016 in der Politik: Donald Trump, Brexit und Terroranschläge
Und dann war da noch alles andere. Es war das Jahr, in dem Donald Trump in den USA an die Macht kam (ich war während der Präsidentschaftswahl in Los Angeles, und die Stimmung war eine Mischung aus Schock, Hysterie und kollektiver Verzweiflung). In Großbritannien war es das Jahr des Brexits – was aus vielen Gründen schlecht war, aber auch bedeutete, dass wir nicht mehr einfach so in ein anderes europäisches Land ziehen konnten (wer um alles in der Welt hat dagegen gestimmt?). Nordkorea führte weitere Atomtests durch. Koordinierte Terroranschläge trafen Brüssel und Frankreich. Es war das Jahr des Massakers im Pulse-Nachtclub. Natürlich passieren weltweit ständig schreckliche Dinge. Aber 2016 fühlte sich wie ein Kipppunkt an.
Auch kulturell stimmte irgendetwas nicht. Ich kann es nicht richtig erklären. Ja, 2016 brachte einige der besten Alben des Jahrzehnts hervor (Frank Oceans Blonde, Beyoncés Lemonade, Rihannas Anti) und viele großartige Serien (Stranger Things, Westworld, The Night Manager). Aber es war auch das Jahr von Dingen wie … Pokémon GO (ich erinnere mich noch, wie ich um ein Uhr nachts während eines Gewitters über einen Strand in Kroatien rannte, weil ich unbedingt ein Bisasam fangen musste). Alle redeten ständig über Hamilton. Im Internet machten Leute Sachen wie die „Mannequin Challenge“. Es war peinlich und übertrieben ernsthaft auf eine Art, die es so danach nicht mehr gab (außer vielleicht 2020, als diese Promis beschlossen, gemeinsam „Imagine“ zu singen).
„Ich glaube, wir können uns darauf einigen, dass 2016 objektiv schrecklich war“
Natürlich kann kein einzelnes Jahr – das ja letztlich nur eine Ansammlung völlig unzusammenhängender Momente ist, zusammengequetscht in Tage und Monate – eine einzige, übergreifende Bedeutung haben. Wir alle hatten ein anderes 2016. Wir waren unterschiedlich alt und machten unterschiedliche Dinge (2017 war für mich persönlich das beste Jahr meines Lebens). Aber ich glaube, wir können uns darauf einigen, dass 2016 objektiv schrecklich war. Es war jenseits jeder Skala. Seitdem gab es vielleicht noch schlimmere Jahre – aber 2016 war das erste. 2016 war der Vorreiter.