Alaïa & Dior in Paris
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Alaïa und Dior: Diese beiden unvergesslichen Ausstellungen in Paris müssen Modebegeisterte diesen Frühling unbedingt erleben!

Als ich auf dem Weg nach Paris bin, um Olivier Saillard zu treffen, überlege ich, wann ich das erste Mal mit der Maison Dior in Berührung kam. Saillard ist Kurator der aktuellen Ausstellung „Azzedine Alaïa and Christian Dior, Two Masters of Haute Couture“ (in Zusammenarbeit mit Gaël Mamine; bis 24. Mai zu sehen), die die Werke der beiden Modedesigner als eine Art Dialog präsentiert – und die von einer anderen Ausstellung in der Galerie Dior, „Azzedine Alaïa’s Dior Collection“ (bis 17. Mai), flankiert wird. Olivier Saillard ist ein einflussreicher französischer Modehistoriker, und seit 2017 leitet er die Fondation Azzedine Alaïa, eine Stiftung, die das Erbe und die umfangreiche Modesammlung (dazu gleich mehr) des verstorbenen Designers bewahren soll. Doch so sehr ich mich auch anstrenge – ich kann mich nicht erinnern, wann Dior in mein Leben trat. Ich weiß nicht mehr, ob ich den Schriftzug „Christian Dior“ zuerst auf einem Parfumflakon meiner Mutter oder in einem der Magazine sah, die ich als Kind stundenlang durchgeblättert habe.

Gleich zwei Ausstellungen widmen sich in Paris derzeit der Verbindung von Azzedine Alaïa und Christian Dior

Irgendwann lasse ich es einfach sein, weil es irgendwie unmöglich ist, einen eindeutigen ersten
Moment festzumachen – das Haus ist ja so ikonisch, dass es sich kaum vermeiden lässt, schon in frühester Kindheit damit in Berührung zu kommen. Ganz anders Azzedine Alaïa (1935–2017): Er erinnerte sich an den genauen Augenblick, als er Christian Diors (1905–1957) Arbeit zum ersten Mal sah – weil diese Entdeckung für den Rest seiner Karriere entscheidend sein sollte. Er lebte damals noch in Tunis, wo französische Modemagazine, die er von seiner Mentorin Madame Pineau bekam, sein Fenster zum europäischen Stil bildeten. Pineau war die französische Hebamme und enge Freundin der Familie dort, die Alaïa schon als Kind für die Mode begeisterte und ihn heimlich an der Kunsthochschule anmeldete. Bereits in jenen Magazinen war es vor allem Diors akribische Eleganz, die ihn faszinierte. Und dann, wie Saillard sagt, „klopfte Alaïa gleich nach seiner Ankunft in Paris an Diors Tür“, als er 1956 nach Frankreich zog. Das Ergebnis war ein kurzes Praktikum, vier Tage, die Alaïa für den Rest seines Lebens im Gedächtnis behalten würde. „Das nämlich eröffnete ihm die Welt der Pariser Mode“, so Saillard. „Einmal erzählte mir Azzedine, dass er von Anfang an von der Architektur der Kleider von Christian Dior inspiriert war. Selbst als er noch ganz jung war, versuchte er, hinter das Geheimnis der Einzigartigkeit von Diors Kleidern zu kommen.“

Aber nicht nur das ist ihm gelungen – ohne ihn später „nachzuahmen“, sondern indem er etwas Eigenes daraus machte –, er arbeitete auch mit den wichtigsten Figuren der Branche, zum Beispiel Thierry Mugler oder Guy Laroche, und schuf eine Marke, die bis heute Synonym für eine eigene Eleganz ist. Doch Alaïa hat der Nachwelt eben nicht nur seine eigenen Entwürfe hinterlassen, die allesamt Paradebeispiele höchster Handwerkskunst sind, sondern auch eine riesige persönliche Sammlung, die er lange geheim hielt: Kleider von Designer:innen, die er bewunderte und deren Werke er als Inspiration sammelte.

Laziz Hamani

Der Umfang dieser Sammlung mache es Saillard zufolge nahezu unmöglich, genau zu sagen, welche Codes es im Detail waren, die sein Werk beeinflusst hätten. „In Alaïas Sammlung haben wir ungefähr 600 Stücke von Christian Dior – nicht nur von Dior selbst, sondern auch von Kreativen, die später für die Maison arbeiteten, zum Beispiel Yves Saint Laurent oder John Galliano. Dazu 900 Kleider von Madame Grès, 500 von Cristóbal Balenciaga … Es ist ein außergewöhnliches Privatarchiv“, erklärt er. “Was ich aber definitiv sagen kann: dass die Modelle, die Alaïa von Christian Dior sammelte, von seinem unermüdlichen Streben zeugen, hinter die Geheimnisse der Kleider und ihrer filigranen Strukturen zu kommen. Alaïa hat von Diors Werk gelernt, wie man etwas Zeitloses kreiert.”

Diese bemerkenswerte Sammlung, die viele Museen neidisch machen würde, sowie die tiefe kreative Verbindung der beiden Designer haben nun die zwei korrespondierenden Ausstellungen in Paris inspiriert: In „Azzedine Alaïa’s Dior Collection“ in La Galerie Dior sieht man circa 100 Dior-Kleider aus Alaïas Privatarchiv; die zweite Ausstellung, „Azzedine Alaïa and Christian Dior, Two Masters of Haute Couture“, die nun in den Räumen der Alaïa Foundation zu sehen ist, setzt das Werk der beiden Modeschöpfer in einen direkten Kontext. Und lässt die Besucher:innen verstehen, wie Azzedine Alaïa den Sprung vom Dior-Praktikanten zum weltweit gefeierten Designer schaffen konnte.

“Der Einfluss von Christian Dior unübersehbar” – wie Azzedine Alaïa von Dior geprägt wurde

„Anfangs war es schwierig, diese Ausstellung zu kuratieren, weil wir einige der interessantesten
Stücke an La Galerie Dior ausgeliehen hatten, was uns natürlich eine Ehre war. Aber dann stellten wir fest, dass da noch genügend „starke“ Kleider waren, die sowohl die Handwerkskunst als auch den Einfluss Diors auf Alaïa verdeutlichen“, erzählt Olivier Saillard. Was ihn am meisten zu begeistern scheint: ein Kleid zeigen zu können, das der Stiftung erst kürzlich geschenkt wurde und das noch nie zuvor ausgestellt wurde: „Eine Frau spendete ein Vintagekleid ihrer Mutter, das diese am zweiten Tag ihrer Hochzeitsfeier getragen hatte. Es ist ein wunderschönes rotes Kleid und tatsächlich die älteste Alaïa-Kreation, die wir besitzen“, erklärt er stolz.

„Es wurde 1958 geschneidert, gerade einmal zwei Jahre nachdem er nach Paris gekommen war. Das Kleid ist aus rotem Satin gefertigt, und der Einfluss von Christian Dior unübersehbar. Fast so, als hätte Dior es selbst genäht.“ Die anfängliche Idee war, dass die Besucher:innen die Kleider von Alaïa und Dior nebeneinander sehen, um so die Feinheiten erkennen zu können, die beide verbinden. „Als wir merkten, dass wir eine wunderschöne Auswahl von Alaïas schwarzen Kleidern hatten – eine Farbe, mit der er sehr gerne arbeitete –, entschieden wir, die Ausstellung um Farben, Materialien und kleine Details wie Kragen und Ärmel herum aufzubauen. In gewisser Weise ist diese Ausstellung also auch eine Lehrstunde in Schneiderkunst und Anatomie“, so Saillard. „Es ist ein interessanter Dialog. Aber mehr noch ist es eine Leistungsschau der Haute Couture.“

Schneiderei im gleichen Atemzug mit Anatomie zu erwähnen, macht in diesem Fall besonders Sinn, denn sowohl Dior als auch Alaïa waren Meister des Schnittes und nutzten ihr tiefes Verständnis für den menschlichen Körper, um der weiblichen Silhouette wie ein Bildhauer zu folgen (Alaïa) oder sie architektonisch neu zu definieren (Dior). „Viele Menschen wissen gar nicht, dass Christian Dior eine ausgeprägte Leidenschaft für Architektur hatte. Er schrieb ausführlich über sie und wusste ihre Konstruktionsweisen auch in einem Modekontext wirklich zu schätzen“, sagt Saillard. „Man kann im Inneren von Diors Kleidern beinahe eine Art Skelett erkennen.“ Monsieur Dior schrieb einst selbst darüber: „Über die „Architektur eines Kleides“ zu sprechen, ist keine Übertreibung. Ein Kleid wird je nach Faserung des Stoffes konstruiert und geformt, und die Faserung ist das Geheimnis der Schneiderei. Es ist ein Geheimnis, das auf dem ersten Architekturgrundsatz beruht: Respekt gegenüber der Schwerkraft.“ Er meint damit, dass Stoff nicht in alle Richtungen gleich stabil ist; die Faserung (oder Fadenlauf) bestimmt, wie er fällt. Und obwohl sich Alaïa weniger auf Architektur als Konzept fokussierte, maß auch er der Struktur eines Kleidungsstücks enorme Bedeutung bei. „Azzedine war ein Bildhauer, ein Virtuose, und er hatte die gleiche Leidenschaft für die Technik hinter der Mode. Sie teilten eine Vorliebe für das Atelier, und beide waren in der Lage, selbst Kleider zu nähen. Auch wenn er von Schneiderteams umgeben war, hatte Dior mit jedem einzelnen Schritt des Prozesses persönlich zu tun – und Azzedine war der Meister seines Ateliers“, so Olivier Saillard.

Nebeneinander mögen Alaïas und Diors Kreationen nicht immer unbedingt ähnlich aussehen, aber sie sorgen für den gleichen Effekt, so als hätten die beiden Designer ein Geheimnis entdeckt, das die übrige Welt nicht richtig sehen, aber dafür spüren kann. Und abgesehen von ihrem gemeinsamen Faible für Struktur zog es beide auch zu ähnlichen Farben, die dem Geist der jeweiligen Dekade entsprachen, in der sie gerade arbeiteten. „Ihre Kleider sind sehr pariserisch, sehr Haute Couture. Und bei der Haute Couture geht es nicht darum, das modernste Kleidungsstück zu entwerfen, sondern das langlebigste“, erklärt Saillard. „Ich denke, das ist eine sehr pariserische Lektion: Das Geheimnis eines guten Designs steckt in seiner Zeitlosigkeit.“ Und wo, wenn nicht in Paris, lässt man sich in Sachen Stil nur allzu gern weiterbilden?