Die Documenta 2022 steht gerade leider auch wegen Antisemitismus-Vorwürfen im Fokus, besonders geht es dabei um ein Werk des indonesischen Künstlerkollektivs Taring Padi. Nachlesen können Sie das zum Beispiel bei BR.de, beim Tagesspiegel oder in einem Kommentar bei SZ.de. Wir beschäftigen uns im Folgenden mit den ausgestellter Künstler:innen, die wir für spannend empfinden.
Seit 1955 zeigt die Documenta Werke der Gegenwartskunst und zählt damit zu den wichtigsten zeitgenössischen Kunstausstellungen weltweit. Die Documenta Fifteen findet vom 18. Juni bis 25. September 2022 in Kassel statt. Wir stellen vier Künstler:innen/Kollektive vor, deren Arbeiten Sie sich beim Besuch anschauen sollten.
Black Quantum Futurism: Eine Stimme für die Marginalisierten
Camae Ayewa und Rasheedah Phillips haben das literarische und künstlerische Kollektiv Black Quantum Futurism um 2014 gegründet. Die beiden queeren Schwarzen Frauen aus Philadelphia haben für die Documenta an der Fulda eine Bühneninstallation mit einer Clepsydra, also einer Wasseruhr, geplant. Dort finden Performances und Events statt, aber die Installation dient auch als offener und interaktiver Raum für die Kasseler Community. „Wir wollen eine Außeninstallation schaffen, die es den Bewohner:innen ermöglicht, Raum und Zeit in ihren eigenen Vierteln und Gemeinden zurückzuerobern. Mit ‚Zeit‘ meinen wir die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft“, sagen Black Quantum Futurism. „Das geschieht durch Markierung, Kartierung, Äußerung und Speicherung persönlicher, familiärer und gemeinschaftlicher Zeitaspekte.“
Sie hinterfragen ausgrenzende Mainstream-Entwürfe von Geschichte und Zukunft in verschiedenen Projekten der Literatur, Musik, des Films, der bildenden Kunst und kreativen Forschung. Außerdem beschäftigt sich das Kollektiv mit gemeinschaftlicher Nachhaltigkeit, Wohngerechtigkeit, Resilienz und Widerstand. Ihr Blick in die Zukunft lohnt sich.
Kiri Dalena: Gegen Ungerechtigkeit, für Menschenrechte
Mal sind es nur 100 Menschen, mal sogar 800, die Schlange stehen für eine Gemeinschaftsküche in der Maharlika Street in Manila, der Hauptstadt der Philippinen. Durchschnittlich warten jeden Tag 300 Menschen vor der Küche, seit sie 2021 eröffnet wurde. Sie soll die Philippiner:innen unterstützen, die der pandemiebedingte Lockdown besonders hart getroffen hat. Worüber diese Menschen sprechen, wie sie warten und hoffen, das hat die Künstlerin Kiri Dalena in einer Mehrkanal-Videoinstallation festgehalten. „Pila“ zeigt Bilder und Gespräche entlang der Gemeinschaftsküche und macht damit auf anhaltende soziale Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten aufmerksam.
Courtesy of the artist Kiri Dalena
Kiri Dalena ist bildende Künstlerin und Filmemacherin. Mit ihren Werken kämpft sie aktiv für Menschenrechte, besonders auf den Philippinen, und leistet damit zivilen Ungehorsam. Dalena er- fuhr mitten in der Enhanced Community Quarantine, einem monatelangen Lockdown, dass sie ein neues Werk für die Documenta gestalten konnte. „Vor diesem Hintergrund war es eine Herausforderung, darüber nachzudenken, welche Arbeit in einer so schmerzlich schwierigen Zeit möglich und sinnvoll sein kann“, sagt Dalena. „Schließlich wandte ich mich etwas zu, das sich direkt vor meiner Haustür abspielte. Ich wollte diese lange Zeit des Wartens darstellen, indem ich den Übergang von der Dunkelheit zum Licht, den Moment des Aufstehens und schließlich der Bewegung festhielt.“ Ihre Installation „Pila“ zeigt, wie wichtig Kunst im Lockdown ist: als Aufschrei und als Widerstand in der heutigen Gesellschaft. Die Installation leitet den Blick der Betrachtenden dorthin, wo es wehtut, damit sich etwas verändern kann.
Nguyen Trinh Thi: Vietnams Vergangenheit – und Zukunft
Es ist die Zartheit, die einen mit voller Wucht trifft. Die Schatten eines Chiliforsts bilden übergroße Muster an den Wänden. Sanfte Flötenmusik läuft automatisch ab, abhängig von dem Wind, der live aus einem Wald im Norden Vietnams übertragen wird. Die tranmediale Arbeit der unabhängigen Dokumentarfilmerin Nguyen Trinh Thi aus Hanoi hat etwas Poetisches – und gleichzeitig eine eindringliche Kraft. „Landscape Series #5: And They Die a Natural Death“ ist inspiriert
von einer Szene aus dem autobiografischen Roman „Chuyen ke nam 2000“ (zu Deutsch: „Erzählung im Jahr 2000“) des vietnamesischen Schriftstellers Bui Ngoc Tan. Er veröffentlichte den Roman 2000; das Buch wurde sofort zurückgezogen und zerstört. Bis heute ist der Roman verboten. Bui Ngoc Tan erzählt darin von den Internierungslagern im Norden Vietnams während der 1960er- und 70er-Jahre und den Ökosystemen der Wälder, in denen er und andere Gefangene Zwangsarbeit leisteten. So enthält der Roman auch Beschreibungen von den Pflanzen, Bäumen und Vögeln. „Mit ‚And They Die a Natural Death‘ erkunde ich mein Interesse an Geschichte, Erinnerung und Ökologie und arbeite mit organischen Materialien und Naturkraft“, sagt Nguyen Trinh Thi. „So mache ich das Unsichtbare seh- und hörbar.“
Sie studierte unter anderem Journalismus und Fotografie in den USA und kehrte dann nach Vietnam zurück, um eine Karriere als unabhängige Filmemacherin aufzubauen – ein damals wegen der Zensur seltener und schwerer Weg. Mittlerweile zählt sie zu den führenden zeitgenössischen Videokünstlerinnen, ihre experimentellen Arbeiten wurden bei internationalen Festivals und Ausstellungen gezeigt. Sie greift mit ihren Werken soziale und kulturelle Themen auf und geht dabei besonders auf die komplexe, traumatische Geschichte Vietnams ein, die noch immer auf die Gegenwart nachwirkt. Mit „Landscape Series #5: And They Die a Natural Death“ bringt sie diese Thematik nach Kassel und lädt die Betrachtenden zu einer Auseinandersetzung ein.
Party Office ist ein kastenfeindlicher, antirassistischer, trans:feministischer Kunst- und So-
zialraum in Delhi, veranstaltet und bereitgestellt von Künstler:in Vidisha-Fadescha.
Vidisha-Fadeschas Pronomen sind they/them. Party Office vereint zwei unterschiedliche architektonische und soziale Konzepte: die Party, die auf eine Versammlung und auch auf
die Politik (Partei) verweist, und Office, das Büro als ein Ort der Arbeit. Für die Documenta Fifteen plant Party Office Diskussionstreffen. Dazu sind Künstlerkolleg:innen wie Amol K. Patil und Anti-Kasten- und indigene Stimmen eingeladen. Aber auch Raves und Clubnächte stehen auf Party Offices Agenda, mit DJs wie Juliana Huxtable, Jasmine Infiniti und C1, einem Berliner Kollektiv von Kunstschaffenden aus Syrien.
Courtesy of the artist Vidisha-Fadescha
„Party Office veranstaltet antirassistische trans*feministische Versammlungen, die unsere radikalen Möglichkeiten durch kollektive Macht stärken und die Freude derjenigen in den Mittelpunkt stellen, die systematisch benachteiligt sind“, sagt Vidisha-Fadescha. Außerdem würden Mitwirkende ihre gelebten Erfahrungen mit verschiedensten Vorträgen und Performances ausdrücken und teilen. „Durch diese Praxis des Teilens hoffen wir, Gleichgesinnte zu finden, die respektvoll und einfühlsam sind und die sich für Gerechtigkeit und Würde für alle einsetzen.“
Praktische Informationen zum Besuch der Documenta Fifteen
Die Documenta Fifteen findet vom 18. Juni bis zum 25. September an verschiedenen Orten in Kassel statt; täglich regulär von 10-20 Uhr, Veranstaltungen können davon abweichen. Reguläre Tagestickets gibt es ab 27. Euro. Mehr unter documenta-fifteen.de.